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Jazztage 2005

Chronik der Jazztage - 2009 - 2008 - 2007 - 2006 - 2005 - frühere Jahre

Jazzworkshop am Gnadenthal-Gymnasium

Christoph-Spendel

Donnerstag, 9 Uhr. Lachende Jugendliche wuseln durch die verwinkelten Gänge des Ingolstädter Gnadenthal-Gymnasiums. Zielstrebig bahnen sich Annette Marquard und Christoph Spendel ihren Weg vorbei an bunten Schultaschen zum neuen Musiksaal der Schule. Ihre Mission ist es, ausgewählte Schüler des Gnadenthal- und Reuchlin-Gymnasiums in die Geheimnisse des Jazzgesangs und des Jazzpianos einzuweihen.

Annette-Marquard

Keine leichte Aufgabe für die beiden Dozenten, die heuer im Rahmen der Jazztage engagiert wurden, um den traditionellen Workshop „Jazz an Schulen” zu leiten. Denn die Zeit ist knapp und ihr Ziel ehrgeizig: In nur zwei Tagen möchten sie eine der ältesten Spielarten des Jazz auf-leben lassen – das klassische Pianoduo. In getrennten Gruppen sollen die Schüler zunächst an ausgewählten Stücken arbeiten, dann aber schnell zusammengeführt werden und die Früchte ihrer Arbeit in einem kleinen Abschlusskonzert präsentieren.

„Den Bass haben wir aber in der linken Hand, gnädige Frau. Keine Angst vor den tiefen Tönen!” unterbricht Christoph Spendel, als Beffi Schwarz für ihre Begleitung eine zu hohe Oktave wählt. Sven Sammer sitzt dicht neben ihr auf dem schmalen Klavierhocker. Vierhändig sollen sie „Sunny” im Bossa-Nova-Rhythmus interpretieren. „Durchhalten!”, ruft der Jazzprofessor, als die beiden kurz im Timing einknicken. „Wenn ihr daneben langt, macht das nichts, aber Schwankungen im Rhythmus werden vom Publikum mit dem Tode bestraft!” Ein schelmisches Augenzwinkern blitzt durch die großen Gläser seiner Tropfenbrille, Spendel ist zufrieden. „Es ist wunderbar, welche Vorkenntnisse die Schüler mitgebracht haben”, schwärmt er. In der Tat schlagen sich seine Schützlinge wacker. Knapp eine Stunde ist vergangen, und schon diskutiert man im kleinen Stuhlkreis um den Flügel auf Augenhöhe. Da ist von „ternären” und „binären” Rhythmen die Rede, oder davon, dass man mit einem kleinen Kunstgriff „jeden Major-Akkord ganz einfach durch einen Moll-Sieben-Minus-Fünf ersetzen kann”. Böhmische Dörfer für den Laien - doch die Kursteilnehmer nicken wissend mit den Köpfen.

„Schrei mich an!“ hallt es eine Etage tiefer aus dem schummrigen alten Musiksaal des Gymnasiums. Neugierig äugen Schüler aus dem Pausenhof durchs Fenster. „Ich kann aber nicht schreien!”, sagt Andrea ein wenig eingeschüchtert. „Und wie machst du das, wenn du singst?”, will Annette Marquard wissen. Ein fairer, aber strenger Ton herrscht beim Gesangsworkshop der Mannheimer Popdozentin.

In einem großen Halbkreis scharen sich die acht Schülerinnen um ihre Lehrerin. In zahlreichen Übungen haben sie zuvor gelernt, richtig zu atmen, ihr Zwerchfell zu aktivieren und ihre Stimme zu kontrollieren. Jetzt heißt es, aus sich heraus gehen. „Wenn du nicht schreist, musst du eben singen”, sagt sie. Das macht Andrea dann auch – singt sauber und herrlich rockig „I´m Out Of Love” von Anastacia.

„Sie ist schon eine Respektsperson”, sagt Andrea später, als es nach drei Stunden Crash-Kurs eine längere Pause gibt. Sauer, dass Annette Marquard sie in der Übung kritisiert hat, ist die 16-Jährige aber nicht. „Sie hat recht, ich muss noch an mir arbeiten. Der Kurs hat mir bis jetzt sehr viel gebracht.” Auch Simon' ist zufrieden. Ein klasse Dozent sei Christoph Spendel, sagt er. Beide sind sich sicher, dass sie später einmal Musik studieren möchten. Wer weiß, ob man sie nicht in ein paar Jahren auf großen deutschen Bühne wiedersehen wird.

Jens van Rooij